Fotografie: Von schöner Vergesslichkeit oder der Sonne, die eine Blüte küsst…

Meinen Samstag hatt ich schon zwischen Netflix und den nötigen to dos verbracht, weshalb ich mir für Sonntag vorgenommen hatte endlich mal wieder die Kamera zu schnappen und nach draußen in den Wald zu gehen. Es ist Sonntagmittag und ich lade den Akku meiner Kamera. Vorsorglich. Damit ich beim Spaziergang nachmittags ganz viele Bilder schießen kann und der Spaziergang zu einer Symbiose zwischen frischer Luft, Fotografie und dem Träumen zwischen den Ästen im Wald werden kann. Kaum habe ich das Haus verlassen und befinde mich an der ersten schönen Stelle im Wald (ein Baumstamm auf dem sich ein Rest Schnee oder Frost zum Schlafen abgelegt hat, dahinter die Kahlheit des Waldes – ohne Blätter – einzig nackte Äste und Bäume, die die Kälte der Natur widerspiegeln), leuchtet das Display der Kamera beim Anschalten nicht auf. Ich gehe im Kopf nochmal fünfzehn Minuten zurück. Fuck! Der Akku liegt auf meinem Schreibtisch. Da diese Vergesslichkeit mir nicht den schönen Spaziergang vermiesen, sondern nunmehr versüßen soll, gehe ich eine große Runde durch den Wald. In der Kälte, die sich durch meine Leggins und Stulpen bohrt, genieße ich die Nacktheit der Bäume, den harten erdigen Boden, die Natur in seiner vollen winterlichen Pracht (wenn auch ohne den dekorativen Schnee) und atme die kalte Luft in Strömen ein. Gehe Schritt für Schritt vorwärts und verliere mich in dieser kühlen und vertrauten Atmosphäre.

Wieder daheim angekommen lege ich den Akku in die Kamera, denn ich hatte schon länger nicht mehr draußen fotografiert und gehe zu der Brücke in einer Seitenstraße bei mir um die Ecke. Die Sonne steht weit unten, aber nicht zu weit und nach ein paar Schüssen, setze ich mich im Schneidersitz vor diese Planze (ich kenne die genaue Bezeichnung von ihr nicht) und fange an durch ihre ‚Blüte‘ gegen die Sonne zu fotografieren. Das war wieder einer dieser Momente, die ich unheimlich schätze und bei der ich meine Vergesslichkeit nicht verfluche, sondern mag, denn ohne sie hätte ich diesen ergreifenden und wunderbaren Moment nie festhalten können, bei dem die Sonne diese Blüte küsst.

Highlight (das ich unheimlich gefeiert habe): Ein kleiner Junge fragte seine Mama: „Mama, was macht die Frau da?“ (Ich im Schneidersitz vor einem Absperrzaun mit der Linse zur Sonne) – „Schatz, sie fotografiert.“