Kolumne: Let’s talk about… Selbstfindung

Gestern lief ich mit meinen Wanderschuhen in die Stadt. Ich versuche sie aktuell bei jeder Gelegenheit zu tragen um beim Camino Portugues nicht durch üble Blasen und den damit verbundenen Schmerz ausgebremst zu werden. Der Weg in die Stadt zum Treffen mit Lotta (lebenstattstreben) im Katzentempel (ein süßes kleines veganes Café nahe der Leipziger Innenstadt) hat sich dann zu einer Mischung aus Freude am Gehen und einer Konfrontation mit der Realität entwickelt. Vor einer Kneipe nahe des Hauptbahnhofs stehen zwei Männer mit ihrem Bier, direkt am Hauptbahnhof entdecke ich einen bärtigen, betagten Mann. Es ist nicht ganz 12 Uhr. Er steht in der Nähe seines schwarzen Rucksacks mit vier Bierflaschen Sternburg auf dem Fenstersims oberhalb diesem vor dem Eingang an der Ostseite. Es trifft mich und auch wenn ich nicht urteile, versetzt es mir einen Stich. Warum? Was ist da passiert? Was ist schief gelaufen? Der Bart schweigt und ich laufe weiter. Laufen. Schritte. Ein Fuß vor den anderen setzend. Gehen. Und meine Gedanken führen mich zurück zu der Wanderung, dem Camino Portugues, und dem großen Thema, dass viele Menschen damit verbinden, wenn sie davon hören:

Selbstfindung.

Wenn ich davon erzähle kommt meist die Frage auf, ob ich diesen Weg gehe um mich selbst zu finden. Und jedes Mal meine einzige Antwort: Ja, vielleicht. Primär möchte ich wissen wie es ist 14 Tage am Stück zu wandern. Ich möchte wissen was passiert. Über Selbstfindung denke ich schon länger nicht mehr nach, außer ich werde danach gefragt. Vielleicht weil es für mich kein Thema ist, vielleicht weil ich nicht weiß, ob ich mich noch finden muss, weil ich mich schon gefunden habe. Weil mir bewusst ist, dass ich mich nicht darin finde was ich tue, sondern wie ich mein Leben lebe, wer ich war und wohin ich mich entwickelt habe, wie ich denke, was mich berührt, beschäftigt, mich im tiefsten Inneren bereichert, glücklich macht und meinen eigenen Weg gehe ohne mir von anderen sagen zu lassen, dass ich das nicht kann oder eh nicht zu Ende bringe oder vielleicht nicht gut genug bin um dieses oder jenes zu schaffen.

Drauf geschissen!

Selbstfindung ist ein Prozess, der sich über Jahre hinziehen kann bzw. hinzieht, mit Höhen und Tiefen, Schmerzen, guten Gefühlen, Fehlern, Fallen, Aufstehen und dem darauf folgenden Bewusstsein, trotzdem seinen Weg zu gehen mit all seinen Hürden, vermeintlichen Grenzen und dem Wissen, das jeder Schritt näher zu einem selbst führt, so hart und schwer er auch manchmal sein mag. Wenn ich in vielen Jahren an der Ostseite des Hauptbahnhofs zu finden bin, mit einem schwarzen Rucksack und leeren Bierflaschen auf dem Fenstersims, bin ich mir wie heute der Tatsache bewusst, dass ich eine Wahl habe und mein Leben so leben kann wie ich es möchte. Das war der Stich, den ich zuvor bei dem bärtigen Mann verspürt hatte. Das Gefühl, dass er vielleicht keine Wahl hat oder hatte, trotz dass mir insgeheim bewusst ist, dass wir (fast) immer eine Wahl haben den Weg zu gehen den wir möchten

Fast.
Immer.
Der eigene Weg.

Dass er leicht wird hat nie jemand behauptet.

Foto: Hannah von Träum Weiter