Achtung Baustelle: Von Ideen, Staub und dem 48-Stunden-Tag

Absperrgeländer. Eine halb ausgehobene Grube. Schutt häuft sich neben dem schmalen Holzsteg über den Fußgänger und Fahrradfahrer die unebene Stelle am Ende der Baustelle passieren können. Ein Warnblinklicht weist Autofahrer freundlich darauf hin, dass die Straße hier zu Ende ist. Eine Sackgasse. Die Baustelle ist in meinem Kopf. Ich wünschte es wäre nur eine. Es sind unzählige und alle in unterschiedlichen Bauphasen. Bei manchen steht erst die Absperrung, bei manchen wurde mit einer Schaufel eine Grube ausgehoben, bei manchen steht das Baumaterial bereit und bei manchen weiß ich noch nicht wann sie sichtbar werden.

Es ist abends kurz vor halb sieben. Leicht müde und doch voller Energie schließe ich die Tür zu meiner Wohnung auf und stolpere beim ersten Schritt über Schuhe. Auf dem Boden in der Küche liegt eine Stofftasche vom letzten Einkauf, bei welcher der Einkaufszettel heraus lugt. Ich stelle meine Tasche ab, Jacke aus, Schuhe aus.

Durchatmen.

Was mache ich heute Abend? Mein Blick fällt auf die ausgeliehenen Bücher, die ich maximal angelesen habe und deren Verlängerungsfristen ich schon nicht mehr zählen kann. Auf dem Schreibtisch liegt die Kamera, die Zeichensachen auf dem Küchentisch haben ihre Position seit Abenden nicht verändert. Der Boden könnte mal wieder sauber gemacht werden und der Berg Wäsche auf dem Badfußboden gehört im Grunde in die Waschmaschine. Auf dem Rand des Waschbeckens hat sich schon wieder eine Staubschicht gebildet, beim Müll unter der Spüle geht der Deckel nicht mehr zu. Das nächste kreative Projekt macht sich in meinem Kopf breit und meine Gedanken führen von sollte, könnte, müsste zu einem endlosen Kreislauf von Ideen, Blogthemen und einzelnen Gedankenfetzen. Ich setzte mich an den Computer und schaue Bilder durch, öffne das Grafikprogramm und möchte etwas illustrieren was seit Tagen in meinem Kopf herum geistert und endlich ausgeformt scheint. Es geht nicht. Also vielleicht doch erst Zeichnen? Ab an den Küchentisch. Das Buch über Psychologie ist dann doch interessanter, aber die nötige Konzentration zum Lesen fehlt. Vielleicht koche ich erst mal das Essen für die Mittagspause morgen. Das Chaos in der Küche, gefolgt von Wäsche machen holt mich in die Realität zurück. Der ständige Ideenfluss, der mich Abend für Abend begleitet und zu weiteren Ideen führt, die reifen und andauernd neue Baustellen zu eröffnen scheinen, steht währenddessen nie still (mein Kopf scheint voller Notizen, Randbemerkungen und halbfertiger Konzepte zu sein, die noch auf Umsetzung, Zeitintensität und Reifedauer überprüft werden müssen).

Das Gröbste ist erledigt und der Alltag hat den Abend aufgefressen. Ehe ich mich versehe ist es 22.34 Uhr und das einzig Kreative, was ich noch zustande bekomme ist in möglichst sanften und kunstvoll kreisenden Bewegungen meine Zähne zu putzen und mich ins Bett einzukuscheln. Hätte der Tag doch nur 48 Stunden. Dann würde ich nicht mit dem Gefühl einschlafen, dass meine (Ideen-/to do-)Liste nahezu unbearbeitet auf dem Rand des Waschbeckens mit einstaubt und ich wieder nicht so weit gekommen bin wie ich es mir vorgenommen habe.

Achtung Baustelle! Betreten auf eigene Gefahr!