Fernweh

Als Kind kannte ich nur Heimweh. Das flaue, mulmige Gefühl in der Magengrube, wenn man im Urlaub an sein eigenes Bett, den Geruch im Kinderzimmer und den Ausblick aus dem Fenster denkt. Das beschreibt Heimweh ganz gut.

Ich dachte nicht, dass ich ein Mensch wäre, der tatsächlich auch das Fernweh spüren kann und zwar so sehr, dass der Sand schon fast zwischen meinen Zehen zu sein scheint, wenn ich daheim Flip Flops anziehe und mir Sonnencreme ins Gesicht schmiere. Ja, ich kenne Fernweh und ja, es kann sich genau so anfühlen. Manchmal ist es jedoch eher der insgeheim verborgene Wunsch etwas Neues zu sehen, etwas Aufregendes zu erleben, etwas Exotisches zu essen und etwas Kribbelndes zu spüren, am besten im ganzen Körper als wäre man frisch verliebt. Das ist mittlerweile meine Art von Fernweh und wenn ich genau in mich reinfühle, ist es dem Heimweh zum Verwechseln ähnlich.

Neues entdecken: Von Unbekanntem und der Abenteuerkitzeltendenz

Wann hast Du das letzte Mal etwas Neues entdeckt? Irgendwas? Und sei es, dass Du auf die Sojamilch von der Eigenmarke des Supermarktes gestoßen bist und Dir deinen Kaffee nie wieder ohne diese leckere Milch vorstellen kannst. Oder sei es, dass Du bei einem Städtetrip in eine Stadt gereist bist in der Du noch nie zuvor warst und sie Dich mit ihren süßen Gassen und beeindruckenden kleinen Cafés bis unter die Haut verzaubert hat. Oder sei es, dass Du in den Spiegel geschaut hast und Dir bewusst geworden ist, dass Du viel selbstbewusster wirkst als noch vor ein paar Jahren.

Neues entdecken kann so schön sein, aber nicht jeder Mensch möchte das erleben und sucht regelrecht danach. Manche haben eher Angst vor Unbekanntem und Neuem, mögen das was sie schon immer hatten und kennen, möchten nichts an altbewährtem oder auch an sich ändern. Bei neuen Kulturen oder Ländern kann es ähnlich sein. Wie viele Menschen fahren jedes Jahr an denselben Urlaubsort in dasselbe Hotel um die immer gleichen Menschen zu sehen, den immer gleichen Strand, das immer Gleiche? Sicher mehr als wir uns vorstellen können. Dabei hat die Welt so viele unterschiedliche Orte, Facetten und interessante Eindrücke zu bieten, dass ich im Prinzip jeden Tag woanders sein könnte und im Alter immer noch einiges zu entdecken hätte. Aber ich bin auch nicht die Norm oder gehöre zu der Gruppe Menschen, die sich gerne routiniert ins bekannte Abenteuer fallen lassen, weich fallen, gewöhnlich aufgefangen werden und das genießen. Ich gehöre zu der anderen Sorte Mensch. Der Sorte Mensch, die gerne an einem Ort einschläft und an einem anderen aufwacht ohne vorher irgendwas gebucht zu haben, die mäßig planlos eine Reise plant und einen Tag vor Abflug immer noch nicht weiß wo es sie am Ende hin verschlägt. Ich gehöre zu der Sorte Mensch, die sich spontane Entdecker mit Abenteuerkitzeltendenz ans andere Ende der Welt begeben und sich dort dann Gedanken machen was sie sehen möchten, wann sie zum nächsten Ort weiterziehen und ständig auf der Suche nach dem Neuen und Unbekannten sind, um es Stück für Stück und auf eigene Faust zu entdecken. Ich entdecke gerne Neues auch in Altbekanntem: von Milch über Orte bis hin zu einer neuen Seite an mir selber 🙂

Was hast Du als letztes Neues entdeckt?

Brücken: Wegbereiter oder Hindernis?

Gestern war ich spazieren. Mit Kamera. Ich habe dann immer das Gefühl, dass alles um mich herum zum potentiellen Motiv wird. Ich sehe dann alles wie durch eine Linse, die überlegt, ob sie das was sie sieht festhalten möchte. Auf einer meiner Standardrouten im Wald komme ich an dieser einen Hängebrücke vorbei. Sie ist wie jede andere Brücke, mit der Ausnahme, dass sie in der Mitte noch einmal mit Balken unterlegt ist, sodass sie dort nicht wackelt, sondern fest ist. Es ist angenehm auf ihr zu gehen. Zunächst wackelt sie ein wenig, in der Mitte ist sie fest und dann wieder ein wenig Wackeln. Unter ihr verläuft ein kleiner Bach und es ist schon fast so idyllisch, dass ich mich jedes Mal ein wenig kneifen müsste, um zu wissen, dass ich nicht im Waldwunderland bin. Traumhaft eben. Ich habe mir über Brücken aber noch nie in dem Maße Gedanken gemacht. Ist da ein Fluss, ein Tal oder eine andere Vertiefung zwischen zwei Erhöhungen, sind Brücken dazu da die zwei Erhöhungen so miteinander zu verbinden, sodass es möglich ist, diese mit einem Fahrzeug oder zu Fuß ohne Umwege zu überqueren. Im Grunde ist das zunächst alles. Funktional, praktisch, zweckmäßig.

Aber was wäre wenn sich zwischen einem Tal, einer Vertiefung oder einem Fluss keine Brücke befinden würde, die wir bequem überschreiten könnten? Was wäre wenn wir gezwungen wären in die Tiefe und von dort wieder hoch zu gehen? Was wäre, wenn wir vielleicht die Brücke sehen würden, aber keine Ahnung hätten wie wir sie bewältigen könnten? Was wäre wenn…? Nicht was wäre wenn, sondern: Was ist? Was kann ich aktiv tun, um die Brücke zu sehen? Was kann ich aktiv tun, um die Brücke zu überqueren? Was hindert mich daran die Brücke zu überqueren? Was hindert mich daran Wege zu gehen, wenn die Brücke nicht da oder kaputt ist?

brücke_ende

Brücken sind da, um den Weg zu verkürzen. Brücken sind da, um einen Umweg zu vermeiden. Brücken sind da, um nicht in die Tiefe, nicht in das Tal und nicht durch den Fluss zu gehen. Brücken sind nichts Schlechtes, sie vereinfachen uns den Weg. Aber mit ihr wissen wir nie, welche Erfahrungen wir gemacht hätten, wenn wir den anderen, den längeren Weg gegangen wären. Mit ihr fehlt uns ein Stück Erfahrung. Sie ist zweckmäßig, praktisch, funktional. Sie erspart uns Wege. Aber woher wissen wir, ob die Wege, die wir ohne sie hätten einschlagen können, nicht vielleicht bessere gewesen wären? Wissen wir am Ende der Brücke, dass der Weg gut war, nur weil er bequemer war? Wissen wir welche Erfahrung wir vielleicht durch unsere Wahl vermieden haben oder erlangt hätten?

Am Ende ist eine Brücke eine Brücke. Nicht mehr und nicht weniger. Sie verbindet zwei Erhöhungen. Zwischen ihr ist Tiefe, Tal, Wasser, vielleicht Unbekanntes. Die Entscheidung liegt bei uns, welchen der beiden Wege wir wählen und auf welche Erfahrung wir dadurch zurückblicken. Am Ende liegt es an uns zu entscheiden, ob wir über die Brücke gehen oder den anderen Weg über die Vertiefung wählen. Am Ende liegt es an uns zu entscheiden, wie wir von der einen Erhöhung auf die andere Erhöhung kommen. Es liegt an uns zu entscheiden, welchen Weg wir gehen möchten. Es liegt an uns, welche Erfahrung wir bereit sind zu machen.