Mein Jakobsweg: Ohne Worte, mit Fakten und gelben Pfeilen | Camino de Santiago portugues

Mir fehlen die Worte. Zum ersten Mal fällt es mir unglaublich schwer einen Blogartikel zu schreiben. Egal wie ich anfange oder was ich schreibe, kommt es nicht dem nahe was ich in den 10 Tagen auf dem Jakobsweg erlebt habe. Schreibe ich über das Übergewicht auf meinem Rücken (11-12 kg statt vorbildliche 10% meines Körpergewichts) und die doofe Hornhaut, die ich am Ende von Tag drei endlich entfernen konnte, oder versuche ich meine Gedanken eher philosophisch zu sortieren? Soll ich über die unglaublichen Etappen von über 30 km in brütender Hitze auf kochendem Asphalt bei 30 Grad berichten oder von diesem einen unglaublichen Moment erzählen, den ich nach ein paar Tagen auf der Straße mitten in einem Dorf hatte? Vielleicht wäre aber auch die Ankunft in der ersten überfüllten Herberge spannend, bei der ich hinter der Rezeption auf Decken neben dem Staubsauger geschlafen habe? Wie ich es auch schreibe, fühlen sich all die Gedanken, Wege und Eindrücke zu mächtig an, um sie in einen Artikel zu packen.

Vielleicht reichen zunächst ein paar Fakten.

Reise: Camino de Santiago portugues
Grund für die Reise: nicht definiert
Weg: Porto – Santiago de Compostela
Route: Küstenweg bis Vila do Conde (1 Tag), dann der traditionelle Weg
Distanz: Reiseführer: ca. 254 km, Runtastic: 284,74 km
Wanderzeit: 9,5 Tage
km / Tag (Reiseführer): 26,74 km / Tag
Rucksack / Gewicht: 55+10 l / 11-12 kg
Schwachstellen: Rucksack, Hornhaut an den Füßen, leichte Panik nicht rechtzeitig für den Rückflug in Santiago de Compostela zu sein
Wichtige Erkenntnisse: min. 2
Orientierung: Reiseführer, gelbe Pfeile, hilfsbereite Einwohner, km-Steine, Jakobsmuschel
Liebe Menschen: unheimlich viele

Detaillierte Route / km
Tag 1: Porto – Vila do Conde / 33,0 km
Tag 2: Vila do Conde – Barcelinhos / 30,1 km
Tag 3: Barcelinhos – Ponte de Lima / 33,5 km
Tag 4: Ponte de Lima – Pacos / ca. 25 km
Tag 5: Pacos – O Porrino / 28,9
Tag 6: O Porrino – Arcade / 21,9 km
Tag 7: Arcade – Portela / 22,8 km
Tag 8: Portela – O Pino / 21,4 km
Tag 9: O Pino – Kloster Herbon – Teo / 23,3 km
Tag 10: Teo – Santiago de Compostela / 14,1 km

Fazit
Trotz Vorbereitungen habe ich mit vielem nicht gerechnet. Trotz der Erfahrungen, die ich gemacht habe, weiß ich, dass jedwede schriftliche Niederlegung in einem Blogartikel nicht das wiederspiegeln kann, was in diesen knapp zehn Tagen passiert ist. Trotz der vielen Artikel, die Menschen zu ihrem Jakobsweg verfassen (meist leider etwas eintönige Tag-für-Tag-Beschreibungen), ist meine Meinung, um sich einen Eindruck von dieser Pilgerreise zu verschaffen, genau eine:

Lauf den Weg selber!

Kein Beitrag, keine noch so detaillierte Aufschlüsselung noch so kleinster Gedankenwege, keine Bücher und auch keine philosophischen Zitate können Dir annähernd das geben was Dir dieser Weg geben kann, wenn Du es zulässt. Meine Fragen und Gedanken, die ich mir im Allgemeinen davor gemacht hatte, konnte ich mir auf dem Weg zu ca. 92,834 % beantworten.

Ob ich noch einen weiteren Artikel zum Jakobsweg verfasse oder einfach nur diese Fakten stehen lasse, entscheide ich noch und lasse Dich mit einem vorerst abschließenden Zitat, einer Buchempfehlung und visuellen Eindrücken alleine:

Traue keinem Gedanken, der im Sitzen kommt.

Friedrich Nietzsche

Buch
Albert Kitzler: Vom Glück des Wanderns – eine philosophische Wegbegleitung

Bom Caminho!

Der Weg: Vorbereitung und Gedanken zum Camino Portugues | Tipps für Wanderanfänger

Die Füße sind weich von der Hirschtalgcreme, die Druckstellen an den Fersen sind mittlerweile ein dauerhafter Bestandteil meines Fußes. Es gibt keine Blasen mehr, aber eben kleine Druckstellen. Für den möglichen Regenschauer ist eine geliehene Regenhose vorgesehen. Der Regenponcho ist im Rucksack. Es scheint als wären alle Vorbereitungen getroffen. Trockene Kleidung. Weiche Füße. Keine Blasen. Einen Moment lang denke ich, dass ich an alles gedacht habe, was auf dieser Wanderung von Belang sein könnte. Einen Moment wiege ich mich in Sicherheit. Einen Moment. Nichts von den hilfreichen Vorbereitungen kann mich aber auf das vorbereiten was mich erwarten könnte. Kein Tape oder Schmerzgel und auch keine Regenhose kann mich davor bewahren was beim Gehen an die Oberfläche gelangen könnte. Auf dem Weg: dem Camino Portugues. Beim Gehen. Vollkommen bei mir. All das was kommen könnte wartet auf den unachtsamen Moment, in dem ich alles ablege, was mich scheinbar und vielleicht schützt. Nichts kann mich in dem Moment (be)schützen, auch keine Regenhose oder die wochenlange Vorbereitung auf diese lange Wanderung. Ob ich das möchte oder nicht.
Aber eines ist klar: Ich kann nicht darüber hinweg gehen.
Mit einer Hand fahre ich an den weichen Sohlen meiner Füße entlang, während mich das Gefühl überkommt, dass ich alles andere als vorbereitet bin – trotz Regenhose, trotz wochenlangem Laufen in den Wanderschuhen, trotz der Fußcreme und dem Tape in der Tasche.

Das sind die Momente, in denen ich merke, dass alle Vorbereitung nur verhindern kann, dass ich Blasen bekomme und durchnässt von einer Station zur anderen gelange. Was sonst auf mich wartet, weiß ich nicht und das macht es so unheimlich spannend, dass ich schon wieder Vorfreude empfinde – egal was passieren mag.

Anbei ein paar persönliche Tipps für alle Wanderbegeisterten

  1. Wanderschuhe
    Vorüberlegungen: Welche Jahreszeit? Wasserdicht oder aus Leder? Welcher Untergrund beim Wandern? Lass Dich hierzu im Laden beraten und probiere unterschiedliche Modelle an. Laufe ein wenig in Deinen Favoriten. Manche Läden haben hierfür extra Brücken oder steinige Untergründe zum Testen. Fragen, die Du dir stellen kannst: Welcher fühlt sich auf Anhieb gut am Fuß an? Welcher drückt schon nach ein paar Minuten? Nicht jeder Fuß ist gleich, sodass Du auch für Deinen das passende Paar finden darfst.
  2. Laufen
    Laufe Deine Wanderschuhe Stück für Stück und mit immer längeren Touren ein: Zu Hause, auf dem Weg ins Büro, beim Spazierengehen mit einer Freundin, Halbtagestour. Wenn Du deine Schuhe bei der ersten Wanderung über eine längere Strecke trägst, können Blasen auftreten. Zeit und Geduld hilft da, genauso wie die möglichen Problemstellen schon vorher oder bei der ersten leicht schmerzenden Druckstelle mit Tape abzukleben. Ich hatte selbst nach jeder Tour am Anfang Blasen an den Füßen und war kurz davor die Schuhe zu wechseln. Es hat schließlich aufgehört und nun sind es maximal Druckstellen. Hier ist aber jeder Schuh und Fall unterschiedlich.
  3. Hirschtalgcreme
    Die Creme macht die Füße geschmeidig und weniger anfällig für Blasen. Mit dem Eincremen kannst Du schon einige Wochen vorher anfangen. Ein Mal täglich, am besten vor dem Laufen, reicht.
  4. Ausrüstung
    Überlege Dir genau was Du in Deinen Wanderrucksack einpackst. Zu viel Gepäck ist auf Dauer schmerzhaft. Ca. 10% Deines Körpergewichtes sollten in den Rucksack inklusive Wasser (1-3 Liter je nach Länge des Wanderwegs).
  5. Rucksack
    Probiere unterschiedliche Rucksäcke an und lass Deinen Körper bzw. Rücken entscheiden welcher am besten passt. Gehe ein paar Runden im Laden und lass Dich beim Einstellen des Rucksacks beraten. Von Onlinekäufen würde ich persönlich wie bei Wanderschuhen abraten.
  6. Google
    Was Du nicht weißt und was Du auch hier bei den Tipps finden kannst, google. Es gibt viele Blogs, Magazine oder auch Outdoor Onlineshops, die tolle Tipps zum Thema Wandern, Blasen, Routen, Wanderschuhe, Ausrüstung & Co. haben:
    hillwalktours
    trekkinglife
    wander-pfade

Auf das was Du nicht vorbereitet bist und auch nicht vorbereitet sein kannst, ist das was bei der Wanderung, beim Gehen alleine weit weg von zu Hause, passiert. Dazu mehr in einem folgenden Blogartikel mit Gedanken, Fragen und höchstwahrscheinlich ohne Antworten.

Herzlich ♥ Caro

Foto: Naturreservat Divoka Sarka, Prag, Tschechien

Ein kleiner Schritt: Von Nebel und Sonne | Fotografie

Es ist Morgen. der Zeiger der Uhr bewegt sich zwischen den Zahlen. Langsam wandert er auf acht Uhr. Draußen ist es nebelig und der Tag beginnt seinen Lauf. Neun Uhr. Der Nebel bleibt. Fein säuberlich gepackt steht der Rucksack da, eine Literflasche klemmt an der Seite. Innen drin Gewicht, nichts Besonderes, nur Schwere. Die Tür schließt von außen. Ein Schritt vor den anderen setzend mit dem Gewicht auf dem Rücken laufe ich los. Einen gewohnten Weg. Schritt für Schritt mit nur einem Ziel. Gehen. Laufen. Ein Fuß vor den anderen und wieder vor den nächsten. Gedankenlos, frei, ohne Fokus. Der Weg entlang des Flusses, wo der Frühling den Nebel küsst, ganz sacht und leise. Niemand ist da. Außer ich.

Ich gehe weiter. Unzählige Schritte später. Die Sonne. Sie lacht durch die Baumstämme auf den Weg vor mir. Als wäre sie schon immer da gewesen. Lacht mir ins Gesicht und zaubert mir ganz natürlich ein Lächeln auf die Lippen.

Während ich die Sonne in mir aufsauge, die Augen schließe und ganz bei mir bin, verliere ich mich in Gedanken und merke wie ich loslasse. Was auch immer, wie schwer das Gewicht auf meinem Rücken auch ist, ich lasse los. Es geht nicht um die Schwere auf meinen Schulter, nicht um den Hüftgurt, der auf die Naht meiner Kleidung drückt und Druckstellen verursacht, nicht um den Wanderschuh, der an der linken Ferse Blasen hervorruft. Es geht um den Weg. Es geht um das Laufen. Es geht um den Moment.

Es geht um den Moment auf den Nebel zu blicken, der einen guten Blick, ein Detail oder den Fokus in der Weite nicht zulässt und dabei zu merken, dass der Nebel in der Ferne nicht weiter von Bedeutung ist. Er ist da, ob wir es manchmal möchten oder nicht. Sich dennoch auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, vielleicht auch auf das Gewicht, das die Schultern ein wenig schmerzen lässt, vielleicht auch nur auf den einen richtigen Schritt vorwärts, kann einem bewusst machen, dass man die Sonne, die alles erhellt nicht im Nebel, sondern ausschließlich bei sich selbst zu finden ist. Bei den Füßen, im Lächeln und in sich.

Vom Nebel zur Sonne ist es manchmal nur ein kleiner Schritt.

Ein langer Weg: Zwischen Selbstfindung und der Faszination des Gehens | Camino Portugues

Es sind nur Schritte. Ich setze einen Fuß vor den anderen. Kilometerweit. Ohne tatsächliches Ziel. Meist in der Natur, alternativ überall – ohne Fahrrad, ohne Bus, Bahn oder Auto. Der Moment, wenn nichts anderes Bedeutung hat als das Gefühl frei zu sein und diese Freiheit in all ihrer Form auf diese Weise zu genießen und das immer in dem Augenblick, wenn ich mich entscheide ausschließlich meinen Füßen zu vertrauen. Ein wunderbares Gefühl. Ein Gefühl von absoluter Freiheit, den eigenen Weg zu gehen – natürlich am liebsten in der Natur 🙂


Ich könnte jetzt anfangen von Beweggründen zu sprechen, die mich dazu bewogen haben vor Jahren und nach langer Zeit das Gehen wieder für mich entdeckt zu haben, von Scherben, Schmerz und einem wenig bis nicht vorhandenen Selbstwert hier und da, Selbstzweifeln, gepflastert mit dem Wunsch alles perfekt hinzubekommen und damit (fast) ausschließlich zu scheitern.
All das ist vergangen, vergeben und verziehen (auch mir selbst) – irrelevant und nicht weiter von Bedeutung. Zumindest hat es für mich den Anschein. Es liegt hinter mir und seither bin ich so viele Schritte gegangen, kilometerweit, ohne Verkehrsmittel (Freunde und Familie ausgenommen), oft allein und doch ab und an (und vielleicht ein Mal zu oft) mit dem Blick zurück in die Vergangenheit.

Vor ca. vier Jahren, im Frühjahr 2015, hatte ich das erste Mal den Gedanken den Camino zu laufen, die letzten 200 km eines Jakobsweges von Portugal nach Spanien. Damals war ich damit beschäftigt einige sperrige und scharfe Scherben zusammen zu fegen (neben Hausarbeiten in den Semesterferien) und mich nicht im Schmerz zu ersticken, der mich in allen Grundfesten bis ins Mark zu lähmen scheinte. Es reichte! Genug mit dem ganzen (Herzschmerz)Scheiß und nach vorne schauen! Im kommenden Sommer hatte ich den Camino halb vergessen, denn es gab ein neues Ziel: Raus aus dem Wohnheim und rein in die eigene Wohnung, rechtzeitig zum Beginn der Bachelorarbeit. Bis ich nach dem Sommer 2015 wieder an den Camino dachte, vergingen knapp zwei Jahre. Bis ich die Flüge dafür endlich gebucht hatte vergingen wieder gut anderthalb Jahre.

Nun ist es Frühjahr 2019. Vier teilweise harte, lehrreiche und sehr inspirierende Jahre nach dem ersten Gedanken an diesen Weg sind vergangen, aber die Flüge sind gebucht. Start ist Porto (Portugal), das Ziel Santiago de Compostela (Spanien). 215 km oder mehr liegen vor mir. Ein langer Weg voller Möglichkeiten, Eindrücke und Erlebnisse, die ich im Moment nur erahnen kann. Ein langer Weg, der mit Begegnungen der Vergangenheit, welche nicht zuletzt durch Schmerz, (Zukunfts)Ängste und Depressionen (bei denen ich erst danach wusste, das es welche waren) geprägt war, gefüllt sein könnte. Ein langer Weg, der mir zeigen könnte, dass ich heute nicht der Mensch wäre, der ich bin, wenn ich das alles nicht erlebt und überstanden hätte und der daraus mit einer größeren Stärke und mehr Selbstbewusstsein hervor gegangen ist als mancher Mensch vielleicht sein Leben lang nicht. Mal wieder ein Vielleicht, mal wieder ein Gedanke, der mich durchfährt wie eine glühender Blitz, der sich langsam den Weg durch meinen gesamten Körper bahnt, wenn ich zurück und gleichzeitig ins Jetzt und nach vorne blicke.

Ein langer Weg.

Wandern am anderen Ende der Welt | Grand Canyon, USA

Das mit dem Wandern begleitet mich schon sehr lange, genau wie der Gedanke den Grand Canyon zu sehen, das mitunter aufregendste Naturwunder der Welt. Im September diesen Jahres war es soweit und ich habe im Rahmen einer dreiwöchigen USA-Reise auch den Grand Canyon gesehen. Der erste Blick in die Schlucht auf der südlichen Seite des Canyon, dem South Rim, war unglaublich und die Gänsehaut am ganzen Körper hat mir bewusst werden lassen, dass das einer der beeindruckendsten Augenblicke ist, den ich seit langem erleben durfte. Meine Höhenangst hat mich nicht davon abgehalten zunächst ein wenig in den Canyon rein zu laufen (man soll dort nicht alleine wandern, aber ich war nun mal alleine unterwegs, also hatte ich keine andere Wahl) – zunächst auf dem Bright Angel Trail. Die ersten Schritte haben mir Nerven, Schweißperlen (man könnte es auch als Angstschweiß bezeichnen) und eine gehörige Portion Mut abverlangt. Als ich mich dazu entschlossen hatte an einem Morgen um 7 Uhr bis zum Skeleton Point über den South Kaibab Trail zu wandern, war alle (Höhen)Angst verflogen. Ich lief los, Schritt für Schritt, Stück für Stück und immer mit einem tief in mir liegenden Respekt vor der Höhe, den klimatischen Bedingungen (es war unheimlich heiß) und der Natur. Nach den ersten Schritten auf diesem Trail, die Sonne stieg gerade ein wenig höher, konnte ich die Feudentränen nicht mehr halten. Es war für ein unheimlich bewegender Moment am anderen Ende der Welt in eine tiefe Schlucht zu wandern, trotz meiner (Höhen)Angst, trotz der Panik es könnte irgendwas passieren und trotz dem Gefühl, dass ich vielleicht für diesen großen Schritt nicht bereit bin. Am Ende hat sich jeder Schritt gelohnt und mich als Mensch wieder ein Stück weiter gebracht. Schließlich hat dieser kleine Trail (6 Meilen, 640 Höhenmeter, 4 Stunden) mir mehr gezeigt und mich mehr sehen lassen als diese eine wunderbare Aussicht auf dem Bild: Das Wissen auch schwierige Wege gehen zu können, wenn ich mich nur traue, mir selbst vertraue und den Mut aufbringe über meine Angst hinweg zu sehen bzw. zu gehen. Das bereichert mich heute noch – jeden Tag.

Bild: eigene Aufnahme | South Kaibab Trail, Grand Canyon, Arizona, USA