Im Zug: Von unverhoffter Ruhe und dem Gefühl nicht zu Hause zu sein | Kleines Experiment

Ich sitze da blicke aus dem Fenster und die Landschaft zieht an mir vorbei. Ab und an durchbrechen Häuser und graue, betonierte Straßen das Grün. Das Grün über dem sich ein milchiger Schleier ablegt, eine trübe Scheibe, durch die ich blicke und mich in das Spiel aus Nebel und Sonne reinlege. Entspannt lehne ich mich zurück und schaue nach draußen, meine Gedanken schweifen, ich denke an nichts, nichts besonderes, vielleicht an die Natur, vielleicht an die warme Sonne und das gleißende Licht, dass sich durch das Zugfenster beißt, vielleicht an den letzten Urlaub, der wie gestern im Gedächtnis hängt, an fliegen und Freiheit, vielleicht einfach an etwas Schönes und die Ruhe die ich empfinde. Das leichte Rattern des Zuges, mal lauter mal leiser, das Ruckeln in der Kurve, der Sitz, der sich schon gewohnt und etwas härter ins Gesäß bohrt und mein zweiter Arbeitsplatz mit dem kleinen Tisch vor mir, geben mir das beruhigende Gefühl, mich trotz der Bewegung, entfalten zu können: Ich kann lesen, schreiben, reflektieren, mich der Musik hingeben, mich in ihr verlieren, wie in meinen Gedanken, wenn ich aus dem Fenster blicke und dem Nebel dabei zuschaue wie er das Gras zudeckt und der Atmosphäre dadurch etwas Magisches verleiht. Ich entspanne, ich bin bei mir, ich genieße die Ruhe, die Ruhe im Zug. Ich berühre die Tasten, schreibe und gebe mich ganz dem Fluss meiner Gedanken hin.


Kleine Pause: Ich schreibe den Artikel heute Abend auf der Heimfahrt weiter bzw. zu Ende. Mal sehen was passiert. Über was schreibe ich? Wie fühle ich mich? Wie ist mein Schreibstil und wie sehen meine Gedanken aus? Wie wird der Titel sein?

Seid gespannt.

Liebe Grüße von unterwegs ♥ Caro


Fortsetzung von heute Morgen:
Wo fange ich an? Der erste Zug ist schon mal kein ICE, sondern ein RE (ich nenne das Bummelzug). Es ist von Anfang an ungemütlich, voller und lauter als heute früh. Dennoch schaffe ich es recht zügig (Haha, Wortspiel!) mich zurückzuziehen, abzuschalten und die Konzentration weniger auf die Umgebung als auf das zu richten was ich vor mir habe: Einen geöffneten Laptop, meine Gedanken, die unbedingt raus möchten, Tasten und eine Fahrt von zwei Stunden.
Bummelzug heißt gleichzeitig auch mehr Dörfer bzw. Städte, die am Fenster vorbeiziehen und ausschließlich durch die Schönheit des Himmels und der Wolken durchbrochen werden. Ich mag den Himmel, besonders dann wenn er in den unterschiedlichsten Farben erstrahlt, sich die Wolken dazwischen schieben und die Farben dadurch noch mannigfaltiger werden. Wenn dazu noch die Landschaft dementsprechend ist, könnte ich mich darin stundenlang verlieren, zeichnen, malen, träumen. Leider habe ich nicht viel Zeit für derartige Träume, denn der späte Nachmittag geht in den Abend über und es wird dunkel, sodass sich das Bild auf der anderen Seite des Fensters wie eine dunkle Endlosschleife entlang zieht und sich ausschließlich der Mond als heller, einsamer Fleck am Himmel davon abhebt.
Nach einem Umstieg sitze ich endlich in einem ICE und habe mittlerweile zu den Zeilen hier weiter an meinem ersten Buch geschrieben und Gedanken festgehalten, die ich schon lange einmal festhalten wollte. Trotzdem bin ich froh, dass ich statt in einem RE nun in einem schnelleren ICE sitze, der nicht bei jedem Kaff hält. Ich bin wirklich kein ungeduldiger Mensch und ich genieße die Ruhe wirklich sehr, aber ich finde es auch schön nach einem langen Tag endlich wieder nach Hause zu kommen. Und das ist wohl das einzige was ich im Zug nicht habe, aber daheim: Das Gefühl zu Hause zu sein.

Viereinhalb Stunden: Wenn der Zug zum Wohnzimmer wird

Unterwegs. Nach Hause bzw. in die Heimat. Viereinhalb Stunden. Einmal quer durch Deutschland von Leipzig nach Karlsruhe. Kurz vor der Abfahrt betrete ich das Zugabteil, 2. Klasse, Viererplatz, mit Tisch selbstverständlich. Noch das Handy am Ohr, versuche ich ungeschickt meinen Koffer auf die Ablagefläche über den Sitzen zu hieven. Es klappt  natürlich nicht, also kurz das Handy weg legen, Koffer hoch und wieder weitertelefonieren. Umständlich versuche ich mich im Stehen meiner Jacke zu entledigen, etwas doof mit einem Gespräch am Ohr und während das Telefon zwischen Ohr und Schulter ruht. Ungeduldig ziehe ich mit der freien Hand am Ärmel bis ich die Jacke nach gefühlt drei Minuten endlich aus habe und lasse mich in den Sitz fallen, der sich ungewöhlich hart anfühlt, sodass mein Po sich schon jetzt auf das erste Taubheitsgefühl freut. Als der Zug aus dem Bahnhof losrattert werfe ich einen Blick auf’s Handy: 17:43 Uhr. Ursprüngliche Abfahrtszeit 17.33 Uhr. Die erste Verspätung – na, klasse!

17.50 Uhr
Das Gespräch ist mittlerweile beendet und die viereinhalb Stunden machen sich breit wie ein großer, zäher Kaugummi. Schnell ins Internet, einloggen, anfangen zu tippen. Viereinhalb Stunden sind verdammt viel Zeit. In viereinhalb Stunden könnte ich von mir daheim einmal zum See laufen und meine Füße ins Wasser hängen. In viereinhalb Stunden könnte ich ein 3-Gänge-Menü kochen und von Nudeln über das Parfait am Ende alles selber machen. In viereinhalb Stunden könnte ich einen gemütlichen Mädelsabend genießen. In viereinhalb Stunden könnte ich so viel machen, wenn ich nicht im Zug sitzen würde. Da ich im Zug sitze, passe ich mich diesem Umstand an, denn hier ist weder ein See, noch eine Küche (außer das Bordbistro, wenn man das Küche als bezeichnen kann), noch eine schicke Bar.
Der Laptop ist geladen, ein Notizbuch steckt in der Tasche, etwas zu lesen habe ich auch mit und ohne Musik verlasse ich sehr selten das Haus. Viereinhalb Stunden können nämlich verdammt lang sein, wenn man nichts bei sich hat und das einzige Kino entweder die Menschen im Zug sind, wobei die Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich etwas Interessantes passiert hier gering ist, oder die Landschaft jenseits des Zugfensters (für fünf Minuten vielleicht ganz nett, bei Dunkelheit wohl extrem spannend). Also warum nicht den Zug in das heimische Wohnzimmer verwandeln?! Der Laptop steht aufgeklappt vor mir, mein Wegproviant liegt auf der Tasche und das Wasser ist griffbereit. Natürlich ist es nicht ganz das Wohnzimmer, denn das gleichmäßige Rattern und Quietschen erinnert weniger an die Ruhe daheim bei geschlossenen Fenstern, vollkommen fremde Menschen wären wohl auch eher nicht Bestandteil auf meinem Sofa und ich bewege mich immerhin einmal quer durch Deutschland ohne mich in eine Decke einmummeln zu können. Heimisch ist es vielleicht nicht, aber ich mache das Beste aus dem Umstand mich nicht in der Komfortzone „Wohnung“ zu befinden.

An Euch: Was habt ihr bei einer Zugfahrt immer in der Tasche? Oder besser: Was würdet ihr auf eine einsame Insel mitnehmen, wenn ihr dort viereinhalb Stunden alleine wärt (denn eine Zugfahrt kommt dem ziemlich nahe)?